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Einmal Ramallah und zurück
Geschrieben von: André Königs   
Dienstag, den 13. April 2010 um 21:50 Uhr

Vor ein paar Tagen war ich in Tel Aviv gelandet. Ich hatte diese Reise schon seit Jahren geplant, aber immer wieder kam irgendetwas dazwischen, eine Intifada, ein Freund, der in Indonesien studierte und wollte, dass ich ihn besuche, eine Freundin in USA,….
Mittlerweile war ich nach Jerusalem gereist und saß nun dort im Garten des Österreichischen Hospizes in der Altstadt von Jerusalem. Ich hatte mich dort für ein paar Tage eingemietet.
Es war Ramadan, und der Muezzin rief zum Abendgebet. Am Tisch gegenüber saß ein Diplomat der Alpenrepublik.

Völlig erschöpft von den Eindrücken dieser unglaublichen Stadt, sah ich mir auf meinem Laptop die Photos des heutigen Tages an, um die besten schließlich zu bearbeiten und ins Netz zu stellen.
Kein Photo könnte diesen Moment festhalten. Auf dem Tisch vor mir lagen nicht nur mein Laptop und meine Spiegelreflexkamera, sondern dort stand auch ein Flasche Taybeh, meine qualmende Zigarette im Aschenbecher und der Teller, in dem sich vor ein paar Minuten noch die Gulaschsuppe befand. Mein Gegenüber aß schon sein Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Gurkensalat. Im Hintergrund war immer noch der Muezzin zu hören.

 

Außerhalb dieser Mauern würde dieses Bild höchstwahrscheinlich auf Unverständnis stoßen, aber innerhalb war nichts von dem hektischen Treiben auf den Gassen der Altstadt zu spüren, und würde ich nicht unter einer Palme sitzen und den Muezzin hören, ich würde denken, ich wäre in Wien oder sonst wo, aber bestimmt nicht im Nahen Osten.
In ein paar Tagen sollte ich Jerusalem verlassen und mein Weg mich nach Jordanien, genauer gesagt erst einmal nach Amman, führen. Von dort sollte es einmal quer durchs Land über Petra, Aqaba und Eilat wieder zurück nach Tel Aviv und Neapel gehen. Wie genau, wusste ich noch nicht, aber inschallah würde ich mein Ziel erreichen.
In weiser Vorahnung auf die Erfahrungen der Kultur des Nahen Ostens, die ich im Laufe meiner Reise noch erleben sollte, erfreute ich mich an der spätrömischen Dekadenz und dem mittlerweile auf meinem Tisch stehenden, goldbraunen Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Gurkensalat.
Durch Zufall hatte ich schon in Neapel von diesem Bier namens Taybeh gehört. Es handelte sich dabei um ein Erzeugnis einer kleinen Brauerei in der Nähe von Ramallah, gebraut nach dem Reinheitsgebot von 1516. Für einen echten „Bierfranken“ wie mich also ein Muss.  Am nächsten Tag sollte ich diese Brauerei besichtigen.

Ein bisschen verunsichert durch die Reisewarnungen des Auswärtigen Amts und diverser gut gemeinter Ratschläge von Bekannten und Freunden, hatte ich einen organisierten Tagesausflug gebucht.
Nach einem halbstündigen Fußmarsch stand ich nun am nächsten Morgen irgendwo in Ost-Jerusalem vor einem Hotel, dem Treffpunkt. Auf dem Weg dorthin kam ich an dem Amerikanischen Konsulat vorbei, neben viel Stacheldraht und Beton und der Stars and Stripes war nicht viel zu sehen. Besonders auffallend waren auch die weißen Fahrzeuge mit dem Schriftzug der UN, die mir mehrfach auf dem Weg begegnet waren. Urlaub mal anders.
Ich ging in das Hotel, setzte mich auf die Terrasse und bestellte mir einen Cappuccino und rauchte dazu so viele Zigaretten wie möglich. Tagsüber ist es während des Ramadans nicht gestattet zu rauchen. Aber in einem Hotel mit Dutzenden von UN-Mitarbeitern und Journalisten, die geschäftig vor ihren Laptops saßen oder telefonierten, sah das Allah bestimmt nicht so schlimm. Nach 45 Minuten, 10 Zigaretten und drei Cappuccini, war immer noch nichts von einem Bus, einem Tourguide oder dergleichen zu sehen. Von der Rezeption aus rief ich den Veranstalter an.

Eine freundliche Dame teilte mir mit, dass man mich versucht habe zu erreichen, für die Tour hatten sich nur drei Personen angemeldet und sie würde deswegen ausfallen. Meine Anzahlung würde man selbstverständlich meiner Kreditkarte wieder gutschreiben.
Ich ging zurück auf die Terrasse und bestellte noch einen Cappuccino und zündete mir eine weitere Zigarette an. Am Nachbartisch führte ein Palästinenser ein Gespräch mit zwei westlichen Journalisten.

Ich erinnerte mich an meine ersten drei Stunden in Israel. Es war gegen 04.00h. Ein 1,95 m großer und ebenso breiter Fallschirmjäger der israelischen Armee hatte meinen Pass nach der Passkontrolle auf dem Weg zum Gepäckband an sich genommen. Ich war müde und mochte Heeressoldaten sowieso noch nie.
Er gab meinen Pass einer, wie übrigens alle Israelinnen, bildhübschen, sportlichen Frau mit einer für ihre zierliche Figur viel zu großen Waffe. Fasziniert von ihren braunen Augen beantwortete ich ihr alle Fragen, nahm meinen Rucksack vom Gepäckband, stieg in den Zug und fuhr in mein Hostel. Mein Bett war um diese Uhrzeit natürlich noch nicht frei und so spazierte ich am Strand entlang.
Ich entdeckte eine 24h Strandbar, setzte mich an einen Tisch und bestellte ein „Israelian Breakfast“, bestehend aus Thunfisch, Frischkäse, Oliven  und Ei.
Ich konnte zwar, aufgrund der Lage des Mittelmeers und Israels,  nicht den Sonnenaufgang über dem Meer beobachten, aber so konnte ein Urlaub beginnen. Zufrieden zog ich an meiner Zigarette und trank meinen Café au lait. Zwei Meter von mir entfernt suchte ein Angestellter der Bar den Strand mit einem Metalldetektor ab. Als die Bedienung, natürlich hatte auch sie wunderschöne, braune Augen, mein Frühstück brachte, fragte ich sie interessiert, warum ihr Kollege denn so akribisch nach Gabel und dergleichen suchen würde. Sie lachte. „Du bist noch nicht lange in Israel, oder? Vor ein paar Jahren haben Terroristen einen Bombenanschlag auf diese Bar verübt. Seitdem suchen wir jeden Morgen den Strand ab. Mach dir aber keine Sorgen.“ Ich zog an meiner Zigarette.
In den nächsten Tagen sah ich überall Menschen mit Waffen, der Bus nach Jerusalem wurde von einem  bewaffneten „Bus Marshall“ begleitet, die Soldatin, die im Bus neben mir saß, trug zu ihrer Uniform Flipp-Flops und hatte natürlich ihr M-4 dabei.

Ich trank meinen Cappuccino aus, bezahlte und machte mich auf den Rückweg Richtung Altstadt.
Kurz vor dem Damaskus Gate fiel mir die Vielzahl von Sheruts / service taxis auf. Durch Zufall fand ich auch gleich eins mit dem Schriftzug „Ramallah“.
Ich dachte mir, so schlimm wird die Westbank schon nicht sein, bezahlte meinen Obolus an den Fahrer und suchte mir einen Platz. Kurz vor der Abfahrt stiegen noch vier amerikanische Studenten in kurzer Hose ein. Jetzt wusste ich, das Auswärtige Amt hat mit seinen Reisewarnungen übertrieben. Gleichzeitig kam mir auch der Gedanke, dass sich eine Entführung jetzt so richtig lohnen würde. Der Fahrer schloss die Tür und wir fuhren los.

In Ramallah angekommen, stieg ich in ein Taxi und fuhr zur Palästinensischen Autonomiebehörde und zum Grab von Jassir Arafat. Die Photos und Fernsehbilder von seinem Begräbnis waren mir noch gut in Erinnerung. Der Taxifahrer hielt aber vor einem Gelände, das völlig anders aussah. Die Araber wollen einen immer bescheißen. Drei bewaffnete Männer in Zivil kamen auf mich zu. Was ich denn hier wolle, erkundigte sich der eine. Der Taxifahrer hatte Recht. „Germany, good friend!!“
Das Zelt und der Betonsarg waren einem Mausoleum mit Vortragssaal und künstlichem See gewichen. Soviel zu dem Plan, dass Ramallah nur ein Provisorium sei und Arafat in der Hauptstadt eines freien Palästinas, Jerusalem, begraben werden solle.

Nachdem ich meine Photos gemacht und meinen Pass wieder erhalten hatte, stieg ich in ein Taxi und fuhr zu „Pronto Resto“. Es war mittlerweile 14.00 h und ein leichtes Hungergefühl machte sich breit. Aufgrund des Ramadans war der Italiener eines der wenigen Restaurants, das geöffnet war.

Dort saß ich nun zwischen niederländischen und schwedischen Polizeiausbildern, aß meine leckeren Spaghetti Carbonara und zog genüsslich an meiner Zigarette.

Ich streifte noch ein wenig durch die „Altstadt“ und wurde Zeuge einer Demonstration. Als die Polizisten meine Kamera sahen, ließen sie mich die Absperrung passieren. Ich stellte mich neben die Pressephotographen und Kameraleute und photographierte munter darauf los.

Mittlerweile was es später Nachmittag geworden und ich bahnte meinen Weg durch die Menschen auf der Suche nach dem Busbahnhof. Eine halbe Stunde später saß ich in einem Sammeltaxi nach Jerusalem.
An der israelischen Sperranlage mussten wir alle aussteigen und ich drängte mich mit ein paar Hundert anderen durch ein immer enger werdendes Metallgatter. Am Ende stand ein Drehkreuz, durch das wir einzeln gehen mussten. Die israelischen Soldaten schrien gerade eine ältere Frau an. Anscheinend stimmte irgendetwas mit ihren Papieren nicht. Sie musste wieder zurück.

Dann war ich an der Reihe, meine Tasche wurde einmal mehr geröntgt und man wünschte mir einen wunderschönen Aufenthalt in Israel.
Zurück in Jerusalem setzte ich mich in den österreichischen Garten, trank ein Taybeh und rauchte eine Zigarette.
Dieser Tag verlief völlig anders als geplant. Meine Abneigung gegen organisierte Touren wurde einmal mehr bestärkt. Ich schaltete meinen Laptop an und lud die Photos von meiner Kamera herunter. Was für ein erlebnisreicher Tag.
Im Sommer 2011 werde ich drei Monate an einer Universität in Israel verbringen und sicherlich genug Zeit haben nach Taybeh zu fahren.

Weitere Photos meiner Reise auf facebook unter akoenigs photography

 
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